Smart & Sustainable Cities – Schwerpunkt China

Im Rahmen der FutureCitiesBW Initiative, deren Ziel es ist, Akteure in Baden-Württemberg im Bereich „nachhaltige Stadtentwicklung“ zu vernetzen, fand am 28. März 2017 ein erster Netzwerkabend in den Räumlichkeiten der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V. in Stuttgart statt. Das Interesse war groß – rund 30 Teilnehmer von Planungs- und Beratungsbüros, Bauprodukteherstellern, Landesagenturen, Ministerien sowie Forschungseinrichtungen nahmen an dem Netzwerkabend teil.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von DGNB Geschäftsführer Johannes Kreißig, der Einblicke in die Tätigkeiten der DGNB in China gab. So organisiert die DGNB derzeit gemeinsam mit der „China Architecture Design & Research Group (CAG)“ – einer wichtigen staatseigenen Planungsgesellschaft mit mehr als 4.000 Mitarbeitern – ein internationales Kongressforum zum Thema „Nachhaltiges Planen und Bauen“, der am 13. und 14. Juli 2017 in Peking stattfinden wird.

Daran anschließend stellte Dr. Stephan Anders die FutureCitiesBW Initiative vor und führte in die Besonderheiten des chinesischen Bausektors und sowie die Rolle des nachhaltigen Bauens ein. China birgt für europäische Unternehmen nach wie vor enormes Potenzial. Demnach wurden in China in den letzten 15 Jahren genauso viele neue Gebäude errichtet, wie es in ganz Europa gibt (vgl. EU: 3). Diese wurden jedoch zum überwiegenden Teil von chinesischen Firmen gebaut; Mit nur 1% stellen Kapitalgeber aus dem Ausland eine untergeordnete Rolle dar. Oftmals handelt es sich bei den Projekten um innovative Pilotprojekte und/ oder Projekte, bei denen eine Marke aus dem Ausland – wie die DGNB Zertifizierung – ein Alleinstellungsmerkmal bietet (vgl. EU: 6). Jedoch wird davon ausgegangen, dass der Markt an „Green Buildings“ kontinuierlich wächst. Bis 2020 soll dieser rund 25% des Gesamtbauvolumens betragen (vgl. EU: 9).

Herausforderungen beim Eintritt in den chinesischen Markt

Dennoch gibt es für Unternehmen aus dem Ausland zahlreiche Barrieren, wenn sie in China Fuß fassen wollen. Ein Beispiel dafür ist, dass Planer in China eine Lizenz benötigen, um Projekte auch über den Entwurf hinaus planen und die entsprechenden Pläne bei den Behörden einzureichen zu können. Diese Lizenz kann grundsätzlich erworben werden, ist jedoch für kleine Büros oftmals zu teuer. Eine weitere Barriere stellt die Zulassung von ausländischen Bauprodukten in China dar sowie die – im Vergleich zu chinesischen Honoraren – hohen Planungskosten von europäischen Planungsbüros. Eine Möglichkeit, die viele europäische Unternehmen nutzen, um Projekte in China zu realisieren, sind Partnerschaften mit chinesischen Planungsbüros oder die Ausgründung von Niederlassungen in China.

Enorm wichtig ist der Aufbau von persönlichen Beziehungen, welche in China noch bedeutsamer als in anderen Ländern sind. Ohne regelmäßige Besuche der chinesischen Partner und Auftraggeber sind Projekte in China nicht erfolgreich realisierbar. Wichtige Entscheidungen werden nicht am Konferenztisch, sondern beim Abendessen getroffen und begleitet von passenden Getränken besiegelt.

Die DGNB führt seit 2012 regelmäßig Schulungen in China durch und hat mittlerweile rund 200 chinesische Experten zum DGNB Zertifizierungssystem geschult. Aufgrund des großen Interesses hat die DGNB mittlerweile Akademie-Partnerschaften vereinbart, um die Themen der DGNB noch weiter in die Breite zu bringen. Darüber hinaus hat die DGNB in 2015 eine eigene China Community gegründet, mit dem Ziel, dass sich Personen, die an der DGNB Interesse haben, regelmäßig treffen, austauschen und den Markt gemeinsam für Planungsqualität „Made in Germany“ sensibilisieren. Ebenso beteiligt sich die DGNB an Kongressen wie der FENESTRATION BAU China, die im November 2017 in Shanghai stattfinden wird.

Stadtplanung auf chinesische Art: Erfahrungen aus erster Hand

Dr. Philipp Dechow, assoziierter Partner im Büro ISA – Internationales Stadtbauatelier in Stuttgart, berichtete über seine Erfahrungen bei der Planung  und Realisierung bzw. Sanierung von Stadtteilen in China und Südkorea. Anders als in Europa werden in China Planungswettbewerbe durchgeführt, ohne dass die Planungsziele und Rahmenbedingungen genau feststehen. So können kuriose Fälle eintreten wie z.B., dass zwei Wochen vor Abschluss eines Wettbewerbs die Nachricht kommt, dass durch das Planungsgebiet eine Überlandleitung verläuft, zu der die Bebauung 100 Meter Abstand halten muss. Oder auch, dass während der Vorstellung des Wettbewerbs das Projektgebiet von der Jury grundsätzlich in Frage gestellt wird. Dieses Vorgehen, zuerst eine Planung zu machen und dann in die Diskussion einzusteigen, ist für europäische Planer unüblich und führt teilweise zu Irritationen. Jedoch, sagt Dechow, habe dieses Vorgehen auch den Vorteil, dass schneller konkrete planerische Visionen auf den Tisch kommen, die gemeinsam diskutiert und umgesetzt werden können – ein wichtiger Punkt bei den schnell wachsenden Städten in China.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Bearbeitungszeit meist ohnehin sehr kurz ist. Nur sechs Wochen Bearbeitungszeit bei einer Stadt für mehrere Hunderttausend Menschen ist üblich. Jedoch werden die Wettbewerbe in China für die einzelnen Büros oftmals sehr gut vergütet. Einige der Planungen, die das Büro in den letzten Jahren gemacht hat, wurden nicht umgesetzt bzw. stark abgeändert gebaut. Dennoch zeigte Dechow bei einzelnen Projekten auch auf, dass es durchaus möglich ist, gemeinsam mit lokalen Planern, spannende Projekte mit Bezug zur Lage und der lokalen Bautradition umzusetzen.

Über kulturelle Unterschiede und Fördermöglichkeiten

Eine ganz andere Perspektive lieferte Herr Dr. Stefan Werner, der bis 2016 für die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in China als „Programm-Manager für klimafreundliche Stadtentwicklung“ arbeitete und derzeit freiberuflich als Berater für integrierte und nachhaltige Kommunalentwicklung arbeitet. Seinen Vortrag eröffnete er mit den kulturellen Unterschieden von Chinesen zu Europäern. Demnach kommt es bei Gesprächen oft mehr auf das an, was zwischen den Zeilen steht bzw. nicht ausgesprochen wird. Getreu der Yin-Yang-Philosophie wird bei Gesprächen oftmals nicht direkt das Problem angesprochen, sondern dieses umschrieben, um den Gesprächspartner vor Anderen nicht bloß zu stellen. Damit müssen Unternehmen, die in China aktiv sein möchten, lernen umzugehen. Auch ist es nach Werner unerlässlich, die Beziehungen zu chinesischen Geschäftspartnern regelmäßig und persönlich zu pflegen. Er hatte während seiner Tätigkeit für die GIZ immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Unternehmen aus Deutschland nach einem ersten Kennenlernen zu stark auf den Vertrieb Ihrer Produkte und Dienstleistungen geachtet haben und dabei zu wenig Zeit für die Pflege der persönlichen Beziehungen eingesetzt haben. Solch ein Vorgehen ist zum Scheitern verurteilt.

Des Weiteren stellte Werner verschiedene Programme der GIZ und der Bundesregierung vor und zeigte die Potenziale für deutsche Unternehmen und die FutureCitiesBW Initiative auf. So zum Beispiel die „Deutsch-Chinesische Urbanisierungspartnerschaft“ (vgl. GIZ.1), die 2015 zwischen der deutschen Bundeskanzlerin Merkel und dem chinesischen Ministerpräsidenten Li Keqiang vereinbart wurde. Das Ziel der Plattform ist es, den Austausch beider Länder zu Fragen einer nachhaltigen Urbanisierung zu fördern. Die DGNB ist ebenfalls Partner der Initiative. Als weiteres Vehikel stellte Werner die Möglichkeit einer strategischen Allianz von deutschen Unternehmen und der GIZ in China vor (vgl. GIZ.2). Grundsätzlich funktioniert diese so, dass deutsche Unternehmen sich zu einem Thema wie der Entwicklung oder Sanierung eines nachhaltigen Quartiers zusammenschließen und gemeinsam einen finanziellen sowie personellen Beitrag einbringen. Dieser Beitrag würde durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) verdoppelt. Für die beteiligten Unternehmen hätte dies den Vorteil, dass sie auf die Expertise und Kontakte der GIZ in China zurückgreifen könnten und der Markteintritt dadurch erleichtert wird. In der Vergangenheit wurden bereits verschiedene Projekte nach diesem Prinzip angestoßen.

Diskussion um Gesundheit und Vorfertigung

In der anschließenden Diskussion wurde u.a. die Frage in den Raum gestellt, wie die FutureCitiesBW Initiative die in Baden-Württemberg ansässigen Unternehmen unterstützen kann. Neben Themen wie Standortmarketing und der Durchführung von Netzwerkveranstaltungen wie dieser, wurde insbesondere die Unterstützung bei der Suche geeigneter Finanzierungsprogramme als Thema benannt: Welche Möglichkeiten gibt es, Maßnahmen umzusetzen, die aus Kostengesichtspunkten schwierig sind, jedoch einen Mehrwert für die Nutzer eines Quartiers oder Gebäudes versprechen (z.B. dezentrale Abwasserbehandlung, nachhaltige Mobilitätsangebote).

Auch ein Thema, das bei der Diskussion angesprochen wurde, ist die Gesundheit. Anders als mit globalen Nachhaltigkeitszielen wie den SDG’s der UN (vgl. UN) betrifft das Thema Gesundheit jeden Menschen und erfährt in China ein wachsendes Interesse. So werden in vielen Gebäuden Lüftungsanalagen nicht nur wegen der Klimatisierung eingebaut sondern zur Reinigung der Außenluft bevor diese in die Gebäude gelangt. Auch werden gesunde Materialen immer mehr von Kunden nachgefragt.

Am Ende der Diskussion wurde die Vorfertigung von Gebäuden nochmals erwähnt, die eine Möglichkeit sein kann, qualitativ hochwertige Gebäude schnell und in großen Stückzahlen bauen zu können. Mit modernen computerunterstützten Planungs- und Fertigungsverfahren können Grundrisse und Gebäude individuell an den Kunden und die jeweilige Situation angepasst werden. In diesem Bereich könnten deutsche Unternehmen und Hochschulen ihr Wissen gewinnbringend einsetzen.

Die nächsten Netzwerkabende werden am 18.07.2017 zum Schwerpunkt Indien und am 17.10.2017 zum Schwerpunkt Brasilien stattfinden. Die Vorträge können über die DGNB bezogen werden.

Dr. Stephan Anders, 29.03.2017

 

Quellen:

EU (2013). The construction sector in China, EU SME Centre, Beijing, www.ccilc.pt/sites/default/files/report_the_construction_sector_in_china.pdf

GIZ.1 (2017): Deutsch-Chinesische Kooperation zu nachhaltiger Stadtentwicklung, www.giz.de/de/weltweit/41623.html

GIZ.2 (2017): Strategische Allianzen (develoPPP.de), https://www.giz.de/Wirtschaft/de/html/1416.html

UN (2017): Sustainable Development Goals, http://www.un.org/sustainabledevelopment/sustainable-development-goals/